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Aggressivität, Straftaten und Fahreignung: Empirische Zusammenhänge und Implikationen für die Fahreignungsbegutachtung

Psychological causes for an increased aggression potential in drivers

Rainer Banse

Der § 11 (3) der Fahrerlaubnisverordnung legt fest, dass zur Klärung von Eignungszweifeln eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung angeordnet werden kann, wenn eine Person Straftaten begangen hat, die im Zusammenhang mit der Kraftfahreignung stehen, insbesondere wenn Anhaltspunkte für ein hohes Aggressionspotenzial bestehen. Im Sinne dieser Vorschrift ist es daher notwendig, die empirischen Zusammenhänge zwischen Straffälligkeit, Kraftfahreignung und der Wahrscheinlichkeit von aggressivem Verhalten im Straßenverkehr abzuschätzen. Aus psychologischer Sicht gilt es vor allem zu prüfen, ob das Persönlichkeitsmerkmal Aggressivität und allgemeines dissoziales Verhalten Ursachen für delinquentes Verhalten darstellen können, die auch im Straßenverkehr eine erhebliche Gefährdung wahrscheinlich machen. Die Implikationen für die Begutachtung der Kraftfahreignung werden diskutiert.

In § 11 (3) of the German driver’s license regulation (Fahrerlaubnisverordnung) it is stipulated that a medicalpsychological test can be solicited to resolve doubts in the driving aptitude of a person who has committed a criminal offence, especially if there is an indication of a high aggression potential. To apply this regulation it appears necessary to elucidate the empirical relations between delinquency, driving aptitude, and the probability of aggressive behaviour. From a psychological perspective it is critical to evaluate whether trait aggressiveness and general dissocial behavior patterns can cause deviant behaviour that also constitutes a threat for traffic safety. The implications for medical-psychological tests of driving aptitude are discussed.

Therapeutische Interventionen bei dissozialem und aggressivem Verhalten

Therapeutic Interventions for Antisocial and Aggressive Behavior

Alexander F. Schmidt

Aggressive und dissoziale Erlebens- und Verhaltensweisen sind weitverbreitete Phänomene, deren Heterogenität sich nicht nur in der Vielzahl unterschiedlicher Tatbestände im Strafgesetzbuch niederschlägt, sondern auch in den Symptomen verschiedener psychischer Störungen in den standardisierten Diagnosemanualen ihre Entsprechung findet. Aggressives und dissoziales Verhalten stellt das Resultat zugrunde liegender Beeinträchtigungen a) der Impulskontrolle, b) der Emotionsregulation, sowie ausgeprägter c) narzisstisch-egozentrischer, d) histrionischer, e) süchtiger und f) krimineller Erlebens- und Verhaltensweisen dar. Diese lassen sich zum Ausgangspunkt transdiagnostischer therapeutischer Ansätze machen, die mittels spezifischer Interventionen die jeweiligen Problembereiche in sozial erwünschter Weise zu beeinflussen versuchen. Im Folgenden werden in Ergänzung zur Vielzahl störungsspezifischer Behandlungsmethoden therapeutische Ansätze zur Verbesserung der Emotionsregulation, der Selbstkontrolle, des Ärgermanagements und zur Straftäterbehandlung sowie deren empirische Bewährung vorgestellt.

Aggressive and antisocial behavior is a prevalent phenomenon. The heterogenity of such behaviors is not only reflected in wide range of criminal offences in the penal code but also in the symptoms associated with different psychological disorders in the operationalized diagnostic manuals. Aggressive and antisocial behavior results from a) impairments of impulse control, and b) emotion regulation, as well as pronounced c) narcissistic-egocentric, d) histrionic, e) addiction-related, and f) criminal dispositions. These underlying characteristics can be targeted by therapeutic approaches that are specifically designed to facilitate individual change towards more socially accepted behavior. In this article an empirically informed overview of such transdiagnostic approaches aiming to increase emotion regulation, self-control, anger management, and offender rehabilitation is given as an adjunct to disorder-specific treatment approaches.

Unfallrisiken der Senioren am Steuer und Möglichkeiten zur Reduzierung durch intelligente Fahrzeugtechnik

Accident Risks of Older Drivers and the Reduction Potential of Intelligent Vehicle Technology

Klaus O. Rompe

Die Auswertung der Unfallstatistik in Deutschland zeigt, dass Senioren (65+) mit Pkw-Fahrerlaubnis eine niedrigere jährliche Unfallrate haben als jede andere Altersgruppe. Natürlich ist es dennoch das Ziel, die Unfallrate der Senioren am Steuer weiter zu senken. Einer Steigerung der kognitiven und physischen Leistungsfähigkeit sind dabei Grenzen gesetzt. Altersabhängige Pflichtüberprüfungen mit dem Ziel, Personen mit entsprechenden Defiziten vom Autofahren fernzuhalten, führen nach internationalen Studien nicht zu einer allgemeinen Verbesserung der Verkehrssicherheit und sind eher kontraproduktiv. Da die Gesellschaft daran interessiert sein muss, dass die Senioren möglicht lange mobil bleiben, können nur technische Maßnahmen die Verkehrssicherheit der Auto fahrenden Senioren in Zukunft wesentlich verbessern. Fahrerassistenzsysteme und andere intelligente Sicherheitssysteme in den Fahrzeugen in Verbindung mit intelligenten Infrastruktursystemen bieten dazu ein sehr großes Potenzial.

An analysis of the German accident statistics shows that older people (65+) with a driver‘s license have lower accident rates per year than any other age group. Naturally, a further reduction of the accident rate of older drivers has to be the aim. Nevertheless the possibilities to increase the cognitive or physical capabilities of older people are limited. International studies show that age based driver screening does not produce any safety benefit and may have an indirect negative effect on overall road safety. Therefore, as society must have a strong interest in a long lasting mobility of older people, the future road safety of older drivers can only be improved by technical measures. Advanced driver assistant systems and other intelligent vehicle systems combined with intelligent infrastructure systems show a great potential in this respect.

Schmale Landstraßen – Fahrverhalten auf einbahnigen Querschnitten

Low Volume Roads – driving behaviour on single lane cross sections

B. Zierke, Th. Richter

Der Artikel stellt erste Erkenntnisse zu einem neuen einbahnigen Straßenquerschnitt dar, der schmale Landstraßen eindeutig als solche kenntlich macht. Ziel ist es, das Fahrverhalten zu harmonisieren und somit die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Anhand von empirischen Untersuchungen zum Geschwindigkeits- und Spurverhalten konnte auf einer ersten Untersuchungsstrecke mittels eines Vorher-Nachher-Vergleiches das Fahrverhalten analysiert werden. Zusätzlich wurden Versuche im Fahrsimulator durchgeführt. Der neue einbahnige Querschnitt für schmale Landstraßen zeigte hierbei positive Ergebnisse. Es konnte nachgewiesen werden, dass die eindeutig von anderen Querschnitten zu unterscheidende Gestaltung des einbahnigen Querschnitts den Verkehrsteilnehmer dahingehend beeinflusst, sein Fahrverhalten anzupassen.

The article presents some results of a new cross section which is believed to identify low volume roads and therefore harmonize the driving behaviour and increase the road safety. Based on empiric analysis (speed and lane keeping) the driving behaviour was evaluated on one road section in a before/after study. Furthermore, tests in the driving simulator were carried out. The new single lane cross section for low volume roads showed on the first test track so far positive results. The expectation that single lane cross sections which make low volume roads distinguishable from other roads will affect the driving behaviour positively was encouraged.

Fahreignung bei Herz-Kreislauferkrankungen

Fitness to drive and cardiovascular diseases

Hermann H. Klein

Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie wurde das Positionspapier „Fahreignung bei kardiovaskulären Erkrankungen“ erarbeitet. Zur Risikoanalyse wurde die „Risk of harm formula“ der Kanadischen Gesellschaft für Kardiologie übernommen und so weit wie möglich als Grundlage für die Empfehlung zur Fahreignung bei kardiovaskulären Erkrankungen umgesetzt. Nach der „Risk of harm formula“ ist die Wahrscheinlichkeit für einen Fahrer mit Herz-Kreislauferkrankung, einen schweren Unfall zu verursachen, direkt proportional der Zeit am Steuer, der Art des Fahrzeugs und der Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines plötzlichen kardiovaskulär bedingten Kontrollverlustes. Dieser Kontrollverlust kann durch Synkope, plötzlichen Herztod oder Schlaganfall bedingt sein. Für übliche Fahrzeiten pro Tag (8 Stunden für Berufsfahrer, 30 min für Privatfahrer) wurde im Positionspapier bei einem plötzlichen Kontrollverlust von > 1 % pro Jahr für Lkw/Busfahrer, > 3,6 % pro Jahr bei Taxifahrern und > 22 % pro Jahr bei Privatfahrern von fehlender Fahreignung ausgegangen. Zur Begutachtung der Fahreignung von Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen ist in erster Linie wegen des Gesetzescharakters die Fahrerlaubnisverordnung zu beachten. Finden sich dort keine geeigneten Aussagen, wird in einem zweiten Schritt die Umsetzung der Empfehlungen des Positionspapieres der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie empfohlen.  

The position paper „Fitness to drive and cardiovascular diseases“ has been prepared on behalf of the German Society of Cardiology. For risk analysis the „risk of harm formula“ of the Canadian Society of Cardiology was adopted and implemented as much as possible as the basis for the recommendations. According to the „risk of harm formula“ the chance of a driver with cardiovascular disease to cause a severe accident is directly proportional to the time at the wheel, the kind of vehicle and the likelihood of a sudden cardiac incapacitation. This loss of control can be due to syncope, sudden cardiac death, or stroke. Assuming a normal time behind the wheel per day (8 hours for professional drivers, 30 min for private drivers) sudden cardiac incapacitation of > 1 % per year for truck/bus driver, > 3.6 % per year for taxi driver and > 22 % per year for private drivers is considered as lack of driving ability. For assessment of the driving ability of patients with cardiovascular disease the application of the driver´s license law and the position paper of the German Society of Cardiology are recommended.