DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2021

Erhöhtes Unfallrisiko bei Senioren

DEKRA Vorstandschef Stefan Kölbl (r.) und Jann Fehlauer, Geschäftsführer DEKRA Automobil GmbH, bei der Vorstellung des DEKRA Verkehrssicherheitsreports 2021 „Mobilität im Alter“

„Angesichts der mit zunehmendem Alter höheren Vulnerabilität, also dem im Vergleich zu jüngeren Menschen höheren Risiko, bei identischen Unfallbelastungen schwerere oder tödliche Verletzungen zu erleiden, besteht die Gefahr, dass sich die Zahl der Unfallopfer im Straßenverkehr in der Altersgruppe 65+ weiter erhöht“, stellte Jann Fehlauer, Geschäftsführer der DEKRA Automobil GmbH, den diesjährigen DEKRA Verkehrssicherheitsreport im Rahmen eines Digitalevents vor. Der Report zeigt auf, wo es anzusetzen gilt, um alle sich bietenden Optimierungspotenziale für die weitere Erhöhung der Verkehrssicherheit von älteren Verkehrsteilnehmern effizient zu nutzen.

Ob mit dem eigenen Auto, mit dem Fahrrad oder zu Fuß: Überall auf der Welt werden Ältere immer mobiler und nehmen teilweise bis ins hohe Alter auf unterschiedlichste Weise aktiv am Straßenverkehr teil. Damit verbunden ist ein im Vergleich zu jüngeren Menschen deutlich erhöhtes Unfallrisiko. Die Minimierung dieses Risikos hat aus Sicht der DEKRA hohe Priorität – besonders hinsichtlich der prognostizierten Zunahme der Altersgruppe 65+ an der Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten.

Rund 30 % aller Verkehrstoten in der EU zählten in den letzten Jahren zur Altersgruppe 65+, unter den Fußgängern und Radfahrern machten Senioren sogar rund die Hälfte aller Getöteten im Straßenverkehr aus. Zwar verfügen ältere Verkehrsteilnehmer in der Regel über größere Fahrerfahrung, die jedoch nicht die altersbedingten körperlichen und kognitiven Einschränkungen ausgleichen können. Wichtig hierbei ist, wie sich der Schwerpunkt des Fehlverhaltens im Straßenverkehr im Laufe des Lebensalters verändert: Während in jungen Jahren meist nicht angepasste Geschwindigkeit als Unfallursache vorliegt, sind in der hohen Altersgruppe überwiegend Vorfahrts- und Vorrangverletzungen die Ursache – erhöhte Geschwindigkeit spielt dann nur noch eine geringere Rolle.

Eine Herausforderung besteht darin, den Zielkonflikt aufzulösen zwischen dem Erhalt der eigenständigen Mobilität von Senioren bis ins hohe Alter einerseits und der Minimierung des für sie bestehenden und mitunter auch von ihnen ausgehendenden Risikopotenzials andererseits. Die Bündelung verschiedener Lösungsansätze erscheint hier als der zielführendste Weg. „Überwachungs-, Beratungs- und Begutachtungsmaßnahmen sind ebenso ein Thema wie Gestaltungslösungen in Sachen Fahrzeugtechnik und Infrastruktur sowie integrative Mobilitätskonzepte“, so Fehlauer.

Zur Steigerung der Verkehrssicherheit Älterer befürworten viele Experten den Einsatz und die Weiterentwicklung von Fahrerassistenzsystemen, die altersbedingte Defizite ausgleichen und dazu beitragen können, dass ältere Fahrer aufgrund von Fehlverhalten am Steuer seltener in Pkw-Unfälle verwickelt oder gar Hauptverursacher sind.

Wie eine von DEKRA beauftragte Befragung zeigt, steht die Altersgruppe 65+ elektronischen Helfern grundsätzlich sehr aufgeschlossen gegenüber. Zu bedenken ist allerdings, dass eine hohe Marktdurchdringung von Fahrzeugen mit Assistenzsystemen viel Zeit erfordert. Bei neuen Sicherheitssystemen ist hier ab dem Zeitpunkt der vorgeschriebenen Ausrüstung mit durchschnittlich rund 15 Jahren zu rechnen.

Hinzu kommt, dass viele Nutzer neuester Fahrzeugmodelle die Handhabung aller im Fahrzeug verbauter Assistenzsysteme oftmals nicht beherrschen oder von deren Vorhandensein gar nichts wissen. Aus Sicht der Verkehrssicherheit ist grundsätzlich eine Standardisierung und Vereinheitlichung der Bedienung sicherheitsrelevanter Fahrerassistenzsysteme zu fordern, damit Fahrer sich nicht von Fahrzeug zu Fahrzeug umstellen müssen.

Verstärkter Fokus auf dem Faktor Mensch
Da fahrzeugtechnische und infrastrukturelle Maßnahmen wie straßenbauliche Veränderungen einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen, muss der Fokus zunächst vor allem auf dem Faktor Mensch liegen, um möglichst schnell positive Resultate im Hinblick auf die Verkehrssicherheit zu erzielen.

„Altersbedingte Einschränkungen mentaler Verarbeitungsressourcen nehmen erheblichen Einfluss auf die Menge der Informationen, die eine Person zu einem Zeitpunkt bewältigen kann“, erläutert Fehlauer. Die Bewältigung einer Fahraufgabe erfordert deshalb eine höhere Anstrengung, was rascher zu Fehlbeanspruchungen wie Ermüdung oder psychischem Stress führt. „Es erklärt auch die erhöhte Anfälligkeit für Unfallbeteiligungen gerade in komplexen Verkehrssituationen“, so Fehlauer. Dass Ältere oft vorsichtiger fahren wird insoweit konterkariert durch häufigere Überforderung in komplexen Verkehrssituationen.

Als zentrales Instrument bietet sich hier eine Beratung zur individuellen Fahrkompetenz an, wie sie durch die Sachverständigenorganisationen als sogenannte „Rückmeldefahrt“ bereits entwickelt wurde. Dabei geht es nicht um eine anlassbezogene Fahreignungsbegutachtung, sondern um ein niederschwelliges Instrument das dem Klienten Hinweise auf eigene Defizite geben soll, damit er diesen eigenverantwortlich begegnen kann.

Sinnvoll wäre zudem die Verpflichtung der Fahrzeughersteller, mittels einer erweiterten Gebrauchsanweisung die Käufer in die Handhabung der Assistenzsystem ausführlich einzuweisen. Eine Variante könnten im Einstellungsmenü des Fahrzeugs implementierte Tutorials sein, die erst nach erfolgreicher Absolvierung die entsprechende Funktion freigeben.

Der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2021 „Mobilität im Alter“ steht online unter www.dekra-roadsafety.com zum Download zur Verfügung.

 

DEKRA Forderungen für mehr Verkehrssicherheit von Senioren 

  • Ältere Menschen müssen für eine sichere Teilnahme am Verkehrsgeschehen intensiv in Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit beziehungsweise Einschränkungen aufgeklärt werden. 
  • Für Senioren über 75 Jahren sollten regelmäßige Rückmeldefahrten als wichtiger Beitrag zum Kompetenzerhalt verpflichtend sein. 
  • Alle relevanten Akteure im Gesundheitssystem müssen dafür sensibilisiert und qualifiziert werden, ältere Menschen im Hinblick auf ihre Fahrsicherheit zu beraten. 
  • Die Marktdurchdringung von Fahrerassistenzsystemen muss im Interesse der Sicherheit weiter verbessert werden. 
  • Sicherheitsrelevante Funktionen im Fahrzeug sollten – unabhängig vom Fahrzeugmodell – für eine möglichst intuitive Bedienung weitgehend vereinheitlicht werden. 
  • Zur Sicherung von Querungsstellen sind gerade auch für ältere Fußgänger je nach Örtlichkeit Lichtsignalanlagen, Fußgängerüberwege (Zebrastreifen), Mittelinseln oder vorgezogene Fahrbahnränder unverzichtbar. 
  • Angesichts der immer häufigeren Nutzung von Fahrrädern und Pedelecs durch die Altersgruppe 65+ müssen der verkehrssichere Ausbau des Radwegenetzes und die Pflege der Radwege eine hohe Priorität genießen. 
  • Vor dem Verkauf von Pedelecs sollte gerade auch bei älteren Menschen eine intensive Beratung erfolgen und die Möglichkeit bestehen, sich in Ruhe mit dem ungewohnten Fahrverhalten vertraut zu machen. 
  • Um Falschfahrten auf Autobahnen möglichst zu verhindern, sind geeignete Maßnahmen erforderlich, die den Kraftfahrern helfen, sich (intuitiv) richtig und frühzeitig zu orientieren. 
  • Speziell in ländlichen Regionen müssen Modelle entwickelt werden, die die Mobilität älterer Menschen erhalten, ohne auf das Fahren eines eigenen Pkw angewiesen zu sein.

 

Weitere Informationen
DEKRA e. V.
D-70565 Stuttgart
www.dekra.de

28.05.2021